Ein Erfahrungsbericht
‚Mach’ das ruhig mit, das ist echt witzig!’ wurde mir gesagt, als ich nach diesem Seminar fragte, welches ‚mehr bietet als ein Selbstsicherheitstraining’ und ‚nicht so weit geht wie Selbstverteidigungstraining’.
Nun denn, als relativer Newcomer in der Psychiatrie wollte ich natürlich auf keinen Fall die entscheidenden Informationen verpassen, die mir hinterher womöglich Kopf und Kragen retten könnten (auch wenn ich bislang noch nie in einer Situation war, in der ich mich körperlich bedroht gefühlt hätte).
Gesagt – getan, am 26.6. fand ich mich morgens um 10 im Haus Monika ein, wo zunächst 25 Schaumstoffmatten in den Festsaal gekarrt werden mussten, die dort dann einen geräumigen Übungsplatz ergaben.
Zu Beginn erklärte man den (leider nur) 8 Teilnehmern, dass das Seminar praktisch ausgerichtet sei, so dass wir nach einer einstündigen theoretischen Einführung, konkret die Gefahrensituationen ‚am Mann’ simulieren und lösen würden. Eine Journalistin des WDR sollte, wenn es uns recht sei, das Seminar begleiten, um uns ab und zu zu interviewen.
Die beiden Seminarleiter stellten sich als erfahrende Selbstschutztrainer vor, die neben ihrer Lehrtätigkeit langjährigen Umgang mit gewalttätigen oder randalierenden Personen haben. Das schaffte erst mal Vertrauen und die Vorstellung, dass diese Leute täglich in den Situationen sind, die unsereins nur aus ‚Einer flog übers Kuckucksnest’ und dem Reality-Mist auf RTL II kennt.
In der theoretischen Einführung wurden dann die Begriffe ‚Gewalt’ und ‚Notwehr’ erläutert und im rechtlichen Kontext dargestellt. Recht plakativ wurde darauf verwiesen, dass in keinem Arbeitsvertrag stehe, dass wir unser Leben zu riskieren hätten. Flucht sollte immer die erste Option sein, die man im Falle eines Übergriffes zu erwägen habe (komisch, dass ich mir das so gut gemerkt habe). Wenn jedoch ein gewaltsames (und nicht aggressives) Auftreten nicht zu vermeiden ist, sollte es in jedem fall kontrolliert erfolgen. ‚Kontrolliert’ meint dabei, dass die Sicherheit aller Beteiligten (inklusive des Aggressors) oberste Priorität zu haben hat.
Wir würden heute also nicht lernen, wohin man hauen, treten oder stechen sollte, sondern wohin auf gar keinen Fall (Tabuzonen). Außerdem sei hauen, treten und stechen alles andere als kontrolliert oder kontrollierbar, so dass diese Techniken ersatzlos gestrichen werden müssen. Statt dessen sollte es mehr um das Lösen aus einer Umklammerung und die Kontrolle und Fixierung des Angreifers gehen.
Also dann, im praktischen Teil übernahm der zunächst schweigsame und stämmige Koreferent die Regie und ordnete zunächst an, dass man sich im Kreis auf der Matte verteilen sollte. Sein Kollege sollte nun sein Handgelenk umklammern und ihn nicht gehen lassen. Dann wurden wir gefragt, was man denn machen könnte. Die Idee, beruhigend und deeskalierend auf den Patienten einzureden, wurde von den Referenten grundsätzlich für gut befunden, aber in ihrem kleinen Rollenspiel, sei das Kind nun einmal schon in den Brunnen gefallen. Gefragt war also eher eine Befreiungstechnik. Die Dozenten zeigten sie uns, und wir übten mit einem Partner. Ich glaube alle Beteiligten waren bei den im weiteren Verlauf vorgestellten Techniken immer wieder von der Einfachheit und Effektivität beeindruckt (Nach dem Motto: ‚Da muss man erst mal drauf kommen!’).
Ein Beispiel: Jemand würgt mich beidhändig. Was läge näher als meine Hände auf die würgenden Hände zu legen und an ihnen zu ziehen? Pustekuchen. Geht nicht! (Außer der Angreifer ist deutlich schwächer als ich).
Was habe ich statt dessen gelernt? Einen Arm (z. B. rechts) mit gestrecktem Zeigefinger senkrecht zur Decke strecken (a la Travolta) und dann mit der anderen Hand (z. B. links) von oben um die gegenüberliegende (würgende, aber sich bereits lösende) Hand legen und diese abziehen und drehen. Klingt kompliziert, hat man aber nach fünfmaligem Üben drin.
Es waren nicht nur die Techniken, die mich beeindruckten, sondern auch die geistige Haltung, die von den Referenten empfohlen wurde: Freundlich und bestimmt bleiben. In die Augen schauen. Lächeln.
Auf der Übungsmatte war diese Haltung für alle Beteiligten leicht umzusetzen. Leider ist sie das genaue Gegenteil der Angst- und Schreckreaktion, welche bei jedem automatisch abläuft, der nicht häufig in solchen Situationen ist. Nur die Gewöhnung an aggressives Klientel (durch häufigen Kontakt) das regelmäßige Training der Techniken kann dazu führen, diese Gelassenheit auch dann zu haben, wenn sie am nötigsten ist, und so Konflikte nicht eskalieren zu lassen und friedlich und frühzeitig abzuwenden.
Das Seminar also ein Tropfen auf den heißen Stein?
Der Eindruck drängte sich auf. Durch die Journalistin wurde es auf den Punkt gebracht:
Die meisten Teilnehmer waren potentiellen oder realen Gefahrensituationen ausgesetzt oder befürchten diese häufig. Eine ausführliche Vorbereitung darauf fehlt allerdings in den Ausbildungen aller in der Psychiatrie Tätigen, wie eine Umfrage unter uns ergab.
Ich empfand das Seminar als deutlich mehr als ‚einen Tropfen...’ . Es hat mir eine gute Portion Sicherheit gegeben und das Gefühl, im Falle des Falles nicht hilflos zu sein. Bleibt zu hoffen, dass ich mich dann auch daran erinnere, ob es jetzt Travolta oder Bud Spencer war, der mir helfen kann.
Und:
Auch eine lang Reise beginnt mit einem ersten Schritt! (aus den Seminar-Unterlagen)
Tim Bölling
Dipl. Psych.
Quelle:
Bölling, T.: Interne Fortbildung. Kontrollierter Umgang mit Gewalt und Aggression (KUGA). AlexExtra, Mitarbeiterzeitschrift für das Alexianer-Krankenhaus Köln, (Sommer 2000) 24-25